Bekanntgabe der Preisträger

Zeitgenössische Talente 15. Ausgabe

Vier Expertenkomitees haben im vergangenen Februar die Werke oder Projekte von 36 Finalisten aus 408 Bewerbern aus 36 Ländern ausgewählt.

Die hochkarätige Jury 2025 unter dem Vorsitz von Jean-Noël Jeanneney setzte sich wie folgt zusammen:

  • Rosa-Maria Malet – Direktorin der Fundació Joan Miró 1980–2017, Mitglied des Vorstands der Stiftung (Barcelona)
  • Constance de Monbrison – Leiterin der Sammlungen Insulinde, Musée du quai Branly – Jacques Chirac (Paris)
  • Alfred Pacquement – Ehren-Generalkonservator des Kulturerbes (Paris)
  • Roland Wetzel – Direktor des Museums Tinguely (Basel)

Die in dieser 15. Ausgabe ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstler sind César Bardoux, Jeannie Brie, Xavier Castro, David Falco, Marc Johnson, Amélie Labourdette und Céleste Rogosin.

Wir gratulieren den Kunstschaffenden von ganz herzem und freuen uns darauf, ihre Werke bald in unserer Sammlung begrüßen zu dürfen.

Pressemitteilung herunterladen

Die Preisträger

César Bardoux

Geboren 1991 in Paris (Frankreich) | Lebt und arbeitet in Pantin (Frankreich)

César Bardoux absolvierte sein Studium an den Beaux-Arts de Paris (2017). Er entwickelt eine künstlerische Praxis rund um 3D-Modellierung und Ölmalerei. Inspiriert von Geologie und Ozeanographie lässt er in seinen Bildern zwei unterschiedliche Zeitlichkeiten aufeinandertreffen und vermischt alte mit zeitgenössischen Techniken. In einer Zeit, in der der Mensch vom Digitalen abhängig scheint, pflegt César Bardoux einen kritischen Ansatz gegenüber transhumanistischen Bewegungen. Er war an mehreren Ausstellungen in öffentlichen Institutionen und Galerien in Frankreich sowie auf internationaler Ebene beteiligt: u. a. in der Collection Yvon Lambert, im Musée Cognacq-Jay (Paris), in der Galerie Da-End (Paris), der Galerie Eigen+Art (Berlin) und bei Capuwait in Kuwait.

Mehr erfahren

Agarose, 2023. Öl auf Leinwand, 2 × (162 × 130 cm)

Dieses Diptychon erforscht die Agarose, ein aus Rotalgen gewonnenes Gel, das in der Wissenschaft zur Sichtbarmachung von DNA-Fragmenten verwendet wird. Für den Künstler stellt dieses Material eine faszinierende Brücke zwischen dem Lebendigen und der Spitzentechnologie dar – eine „wissenschaftliche Schrift“, die die unsichtbare Architektur des Lebens offenbart. Das Werk spielt mit Kontrasten: zwischen fest und flüssig, organisch und künstlich. Die Form entsteht aus einer digitalen 3D-Skulptur, die auf der Grundlage terrestrischer Reliefs (topografische Karten, geologische Formationen) erstellt wurde. Dieses Relief wird anschließend poliert, um ihm das Aussehen einer transluzenten Flüssigkeit zu verleihen. Der Übergang zur Ölmalerei erlaubt es, diese Bewegung einzufrieren: Ihre natürliche Fluidität und die langsame Trocknung (Oxidation) bieten die ideale Präzision, um die Effekte von Transparenz plastisch auszuarbeiten. Durch das Beimischen von Flusssand in die Grundierung seiner Leinwand schafft der Künstler eine mineralische Basis, die die Gewebestruktur auflöst und der Malerei ein vibrierendes Korn verleiht, das an die Ästhetik einer analogen Fotografie erinnert. Diese Arbeit verwandelt eine stumme wissenschaftliche Materie in ein lebendiges Porträt, in dem die Transparenz des Gels zu einer Metapher für das Gedächtnis des Wassers und die Fragilität des Lebens wird.

Jeannie Brie

Geboren 1991 in Nancy (Frankreich) | Lebt und arbeitet in Nancy

In ihren Performances und Installationen nutzt Jeannie Brie das Video als eine Art „Bild-Materie“, um Räume zu formen und zu transformieren. Sie schafft immersive Umgebungen, die den Betrachter in eine direkte und spürbare Beziehung zum Raum einbinden. Mittels Techniken der Bildmanipulation entwickelt sie nicht-lineare Narrative, die unser Verhältnis zu Zeit und Erinnerung hinterfragen. Ihre Arbeiten wurden in Frankreich und im Ausland präsentiert, darunter bei Vidéoformes (Clermont-Ferrand), am CCAM − Scène nationale de Vandoeuvre-lès-Nancy, bei den Instants Vidéos der Friche Belle de Mai (Marseille), im DOC (Paris) sowie im GEDOK (Karlsruhe).

Mehr erfahren

Lécher les flaques (Pfützen lecken), 2025. Installation, 26 × 60 × 70 cm

Lécher les flaques schließt an die Untersuchungen der Künstlerin zur Materialität des projizierten Bildes und dessen Bezug zu Raum und Zeit an. Diese Installation spielt mit Vervielfachungen, Bedeutungen und Transformationen. Sie besteht aus einer Papierbahn, die aus einer mit Salz gesättigten Wasservase emporsteigt und auf einem Spiegel aufliegt, der an eine grafische Pfütze erinnert. Auf diese Objekte projiziert ein Video das Bild einer Wasserpfütze, in der sich ein Baum abzeichnet – bereits deformiert durch die Bewegung von Wasser und Wind. Dieses unruhige Bild, das auf der Spiegelbahn am Boden reflektiert wird, verstärkt die visuelle Erfahrung und initiiert einen permanenten Dialog zwischen dem Bild und der Materie, die es empfängt. Im Laufe der Tage markieren die Verdunstung des Wassers, die Fragilität des Papiers und die Salzablagerungen eine ganz eigene, der Materie immanente Zeitlichkeit. Das Video und seine Reflexionen begleiten diesen Prozess, indem sie die visuelle Erzählung stetig erneuern. Lécher les flaques wird so zu einer lebendigen Skulptur, einem Raum der Kontemplation, in dem Bild und Materie zwischen fragilem Erscheinen und unausweichlichem Verschwinden verschmelzen. Das Werk lädt den Betrachter ein, die Poesie der Zeit, des Wandels und der Vergänglichkeit wahrzunehmen.

Xavier Castro 

Geboren 1981 in Reims (Frankreich) | Lebt und arbeitet in Toulouse (Frankreich)

Nach einem Studium der Visuellen Kommunikation begann Xavier Castro seine Karriere im Grafikdesign. Auf der Suche nach einem konkreteren Bezug zur Materie zog es ihn an die École de Sèvres und anschließend an die École Boulle, wo er ein multidisziplinäres Know-how entwickelte, das Porzellan, Intarsienarbeiten und Federkunst miteinander verbindet. Im Jahr 2017 gründete er sein Atelier in Montreal. Unterstützt von den Galerien Frédéric Got und dem Institut National Art Contemporain schuf er skulpturale Kompositionen, die Porzellan, mundgeblasenes Glas und Entomologie vereinen. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahr 2022 ließ er sich in Toulouse nieder und setzt dort seine experimentellen plastischen Forschungen fort. Sein Weg ist geprägt von Residenzen und Kooperationen, insbesondere in La Borne (Frankreich) und La Meridiana (Italien). Als Preisträger des Prix Ateliers d’Art de France 2024 entwickelt er ein Werk, in dem die technische Strenge hinter einer packenden organischen Kraft zurücktritt.

Mehr erfahren

Abysses (Abgründe), 2025. Porzellanskulpturen, variable Maße

Inspiriert von Korallenriffen und deren Wellenbewegungen, präsentiert die aus Urnen und Vasen bestehende Serie Abysses verschiedene Techniken, die vollständig in Porzellan umgesetzt wurden. Jede Form basiert auf einer gedrechselten Holzmatrize, die zur Herstellung der für den Porzellanguss erforderlichen Gipsformen dient. Nach dem Polieren der Stücke rehydriert Xavier Castro sie behutsam, um neue Elemente aufzupfropfen, die Korallen darstellen. Dieser Schritt markiert den Übergang von der klassischen Form zum Experiment: Die Oberfläche wird zum Spielfeld für Abdrücke, Porzellanschaum und Linienstrukturen mit der Schlickerspritze, die das Objekt kolonisieren. Durch diese texturellen Eingriffe verwandelt sich das ursprünglich starre, klassische Stück in eine lebendige, beseelte Materie. Die Serie wirkt, als sei sie einem Schiffswrack entstiegen, und lädt zu einer Reise in die Tiefen unzugänglicher Riffe ein.

 

David Falco

Geboren 1978 in Chambéry (Frankreich) | Lebt und arbeitet in Poitiers (Frankreich)

Das Werk von David Falco ist stets der Ort eines lautlosen Spektakels, eines Verschiebens, eines Traums… Hier bewohnt man die Oberfläche einer ewigen, tellurischen Welt. Aus unseren Konflikten mit der „natürlichen“ Welt formt der Pris-Träger ein Theater, in dem er das Aufeinandertreffen des domestizierten, gestörten, unterworfenen Raumes mit dem unbezähmbaren, erhabenen Naturraum inszeniert. Seine Werke sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten und werden in Frankreich sowie international ausgestellt. Er ist Preisträger des Prix Kodak de la critique photographique(2008) und wurde für den Hariban Award (2017) nominiert.

Mehr erfahren

Sad Landscape I, Sad Landscape II, Sad Landscape III, 2023. Fotografie, 3 × (125 × 155 cm)

Ist es die Nacht oder der Tag, die dieses dämmerige Licht spenden? Befinden wir uns im Hochgebirge? Auf einem feindseligen Planeten oder in einem Film von Méliès? Diese dreiteilige Fotografieserie von David Falco provoziert den Verlust jeglicher Orientierung. Sie offenbart ein Theater stillstehender Gewalt. Was wie eine Reihe trostloser Berglandschaften anmutet, erinnert unwillkürlich gequälte Felsformationen aus den Gemälden des flämischen Malers und Zeichners Joachim Patinier (genannt Patinir, 1480–1524). Doch hier gibt es keine Berge; zu sehen sind Aufnahmen natürlicher Algenformationen, die durch stehendes Regenwasser und Nitrate aus der intensiven Landwirtschaft entstanden sind. In der Landschaft des Poitou, entlang von Wegen und in Gräben, kolonisieren und ersticken diese Algen die Flora. Durch die Inszenierung dieser erstickenden Mikroräume möchte der Künstler eine „potenzielle“ Landschaft offenbaren, die zugleich grandios und winzig, unvergänglich und endlich, unzerstörbar und dem Verfall zu Staub geweiht sein kann.

Marc Johnson

Geboren 1986 in Vitry-sur-Seine | Lebt und arbeitet zwischen Paris (Frankreich) und Stockholm (Schweden)

Marc Johnson, Absolvent der École nationale supérieure des Beaux-Arts de Paris (2011), ist ein französischer bildender Künstler aus der afrikanischen Diaspora (Benin). In seiner Praxis greift er auf afro-surreale und afro-futuristische Strömungen zurück. Sein Wechsel vom experimentellen Kino zu Textilien erweitert seine Aufmerksamkeit für Materialität und das Zusammenleben von Lebewesen, wobei das Machen zu einem historiografischen und heilenden Akt wird. Er wurde mit dem Cornish Family Prize for Art & Design Publishing (2017) und dem Prix LVMH des Jeunes Créateurs de Mode (2009) ausgezeichnet. Seine Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, unter anderem im Centre Pompidou, im Jeu de Paume (Frankreich) und in der Liljevalchs Konsthall (Schweden).

Mehr erfahren

Retour (Rückkehr), 2024. Tapisserie, 200 × 320 cm

Retour ist ein auf einem Jacquard-Webstuhl gefertigtes Werk, das einen von tiefen Blautönen und irisierenden Reflexen durchzogenen Unterwasserraum offenbart. Mythische Figuren – halb Mensch, halb Koralle – treiben darin zwischen Auftauchen und Versinken. Das Werk stammt aus der Serie The Sea is History (Das Meer ist Geschichte) und ist inspiriert von dem gleichnamigen Gedicht von Derek Walcott (1930–2017), das 1979 erstmals veröffentlicht wurde und die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels thematisiert. Marc Johnson bezieht sich zudem auf den in den 1990er-Jahren in Detroit entstandenen Mythos von Drexciya, der ein schwarzes Atlantis beschreibt. Er beschwört hier den Ozean als ein lebendiges Archiv der afrikanischen Diaspora. Während die gewebte Oberfläche ein „Korallen-Denken“ verkörpert, in dem sich die Fäden wie Organismen verflechten, formiert sich das Geflecht des Werks durch Sedimentation. Auf symbolische Weise bringt es das an die Oberfläche, was die offizielle Geschichtsschreibung versenkt hat. Mit einer einzigen Geste verwebt das Werk Materie, Transformation und Erinnerung.

Amélie Labourdette

Geboren 1974 in Troyes (Frankreich) | Lebt und arbeitet in Paris (Frankreich)

Amélie Labourdette ist Absolventin der Beaux-Arts de Nantes – Saint-Nazaire (2000). Sie erforscht geschichtete Zeitlichkeiten durch eine fotografische Praxis, die die Geister nicht-menschlicher natürlicher Entitäten heraufbeschwört, die in der Materialität von Phänomenen eingeschlossen sind, und würdigt deren Handlungsmacht (agency) und Subjektivität. Diese ökosophischen Anliegen nehmen Gestalt an durch eine tiefgehende Befragung des Mediums Fotografie. Zu ihren wichtigsten Ausstellungen zählen die 8. Guangzhou Image Triennial im Guangdong Museum of Art (2025–2026), unRepresented – a ppr oc he (Paris, 2024) sowie die Rencontres Photographiques de Lorient (2023). Sie erhielt den Sony World Photography Award (2016), ein Stipendium des CNAP (2017) und war Finalistin des Prix Découverte Fondation Louis Roederer (2020).

Mehr erfahren

Traces d’une occupation humaine – Triptyque sur fragments de pierre calcaire, 2023. Fotografien, 3 × (150 × 100 cm)

Diese drei Silbergelatine-Abzüge wurden auf Fragmenten von Kalkstein realisiert – einem Gestein, das in den Abraumhalden der Phosphatminen im Tagebau von Gafsa vorkommt, einer Region vor den Toren der tunesischen Wüste. Das Werk bringt die maßlose Anthropisierung dieses Territoriums ans Licht, in dem sich koloniale Präsenz, geologisches Trauma und die Erschöpfung fossiler Wasservorkommen in ein und derselben Ausbeutungsgeschichte verflechten. Heute pumpt, kontaminiert und erschöpft die Phosphatindustrie diese nicht erneuerbaren Wasservorkommen, obwohl archäologische Ausgrabungen ihre fundamentale Rolle für die Kontinuität menschlicher Besiedlung seit dem Mittelpaläolithikum belegen. Amélie Labourdette offenbart das mineralische Fleisch der Landschaft als ein traumatisches Archiv. Der Kalkstein – das Substrat ihrer Fotografien – scheint ein eigenes Gedächtnis zu besitzen, als bewahrte er die Geister unserer anthropozänischen Zivilisation, die durch die fotografische Entwicklung wieder an seiner Oberfläche erscheinen. Indem es diese Geister beschwört, schlägt dieses Triptychon eine Alternative zu einer rein gegenwartsorientierten Sicht der Geschichte vor und verbindet uns mit einer menschlichen und mehr-als-menschlichen Geschichte der langen Dauer.

Céleste Rogosin 

Geboren 1989 in Paris (Frankreich) | Lebt und arbeitet in Paris (Frankreich)

Zunächst in Tanz, Theater und Film ausgebildet, kam Céleste Rogosin 2019 an das renommierte Kunstzentrum Le Fresnoy. Ihre Praxis – umfasst Film, Installation und Performance – erforscht die Tropismen des Körpers im Raum und seine Beziehung zur Landschaft. Der Körper ist für sie ein unwillkürlicher Botschafter und Träger von Mythen, die durch Technologien und Virtualität enthüllt und transformiert werden. Seit 2021 entwickelt sie ihre Arbeiten im Rahmen von Residenzen mit Unterstützung verschiedener Institutionen. Sie nahm unter anderem 2022 am nationalen Performance-Auftrag des CNAP teil und war 2023–2024 Gastkünstlerin bei der Residenz in Lens der Pinault Collection. Zudem beteiligt sie sich an Gruppenausstellungen und präsentierte 2025 ihre erste Einzelausstellung im Frac Grand Large − Hauts-de-France.

Mehr erfahren

The Edge of Eternity, 2025. Video, 12’

The Edge of Eternity entfaltet sich um ein „Fluss-Bild“ herum, das sich dem Rhythmus der Gezeiten anpasst. Von einer Kamera in orbitaler Bewegung beobachtet, suchen drei liegende weibliche Figuren eine Landschaft heim. Das immersive, in einer Schleife laufende Video mischt Spezialeffekte und Fotogrammetrie, fossile mineralische Stoffe und digitale Immaterialität. Zwischen utopischem Traum und dystopischer Landschaft werden die Körper hier zu sensiblen Rezeptoren für die Erschütterungen der Welt. Das Wasser bildet dabei das aktive Prinzip. Ohne immer direkt sichtbar zu sein, organisiert und rekomponiert es die Bilder, transformiert die Materialien und erzeugt einen meditativen Raum, in dem sich die Zeit auflöst. Das Werk nahm seinen Anfang im Bergbaurevier der Region Nord. Es entstand aus einem intimen Bild, das sich weiter ausg帥reitet hat, wobei die Körper zu symptomatischen Aufzeichnungsgeräten der Landschaft wurden: Trockenheit, steigende Wasserstände, Mineralisierung… Diese Körper tragen die Schuld ihrer eigenen digitalen Erschaffung in sich. Untermalt wird dies von einer Soundkomposition, die ein akustisches Off aus Strömungen und Texturen webt, aus dem das Atmen der Figuren hervortritt.